• Daniela Klaus

Sojakonsum bei Brustkrebs – Gefährlich oder unbedenklich?

Aktualisiert: 15. März



Soja erfreut sich bei uns immer größerer Beliebtheit. Vor allem bei einer pflanzlichen Ernährung stellt es ein vielseitig einsetzbares Lebensmittel mit einer hohen biologischen Wertigkeit von Protein dar.


Soja ist aber auch eines der Lebensmittel, das in Verruf geraten ist: So führt Sojakonsum angeblich zur Verweiblichung des Mannes und Frauen mit Brustkrebs sollten Soja unbedingt meiden, aber ist das wirklich so? Das sind die Fakten.


Inhaltsverzeichnis


1. Warum bestehen überhaupt Bedenken?

2. Östrogen/Progesteron: Wenn der Brustkrebs hormonabhängig wächst

3. Das sagt die Studienlage zu Soja und Brustkrebs

4. Moderater Sojakonsum: Was bedeutet das in der Praxis?

5. Sind Nahrungsergänzungsmittel mit Soja-Isoflavonen bei Brustkrebs empfehlenswert?

6. Fazit: Kein erhöhtes Risiko von Sojakonsum bei Brustkrebs


Warum bestehen überhaupt Bedenken?


Soja enthält Isoflavone: Das sind pflanzliche Inhaltsstoffe mit einer strukturellen Ähnlichkeit zum weiblichen Sexualhormon Östrogen und zwar 17-ß-Östradiol. Zu den Isoflavonen in Soja zählen Genistein, Daidzein und in geringer Menge Glycitein (Verhältnis 10:8:1). Da sie in Struktur und Funktion dem körpereigenen Östrogen ähneln, werden sie auch als Phytoöstrogene bezeichnet. Im Körper können die Isoflavone die Östrogenrezeptoren sowohl aktivieren als auch blockieren, wodurch sie eine östrogene als auch antiöstrogene Wirkung haben können.


Östrogen/Progesteron: Wenn der Brustkrebs hormonabhängig wächst


Aufgrund der östrogenähnlichen Wirkung fragen sich viele Brustkrebsbetroffene und -überlebende, ob sie Soja essen dürfen. Insbesondere bestehen hier Bedenken, dass sich das Rezidivrisiko erhöhen könnte. Denn Brustkrebs wächst in den meisten Fällen (70-80 %) hormonabhängig. Das bedeutet, dass der Brustkrebs als Hormonrezeptor-positiv klassifiziert wurde und in Abhängigkeit der Hormone ER+ (Östrogenrezeptor-positiv) und/oder PgR+ (Progesteronrezeptor-positiv) wächst. Durch einen Hormonentzug lässt sich wiederum das Wachstum der Krebszelle verlangsamen oder stoppen. Wie funktioniert das?


Die Krebszelle besitzt auf ihrer Oberfläche Rezeptoren (Andockstellen) für die weiblichen Hormone und - wenn sie andocken - wird ein Signal an das Zellinnere gesendet, das die Zelle zum Wachstum anregt. Man kann sich den Rezeptor wie ein Schloss vorstellen und das Östrogen/Progesteron wie einen Schlüssel. Brustkrebstherapien verhindern durch unterschiedliche Wirkweisen, dass der Schlüssel in das Schloss passt. Zwei davon werden kurz näher erläutert.


Antiöstrogene (auch SERMs: Selective Estrogen Receptor Modulators) besetzen die Rezeptoren auf der Krebszelle, sodass das Östrogen nicht mehr andocken kann. Das Schloss ist sozusagen verstopft. Der Wachstumsreiz an der Krebszelle bleibt aus. Zu den Antiöstrogenen gehört z.B. Tamoxifen.


Aromatasehemmer sorgen hingegen dafür, dass die Umwandlung von Östrogenvorstufen in Östrogen in der Nebennierenrinde, Fettgewebe und Leber unterbunden wird, indem sie ein Enzym (Aromatase) was für die Umwandlung wichtig ist, blockieren. Zu den Aromatasehemmern gehören Arimidex, Exemestan und Femara.


Das sagt die Studienlage zu Soja und Brustkrebs


Epidemiologische Studien weisen bisher nicht darauf hin, dass der moderate Verzehr von Soja-Isoflavonen aus Lebensmitteln die Prognose von Brustkrebsbetroffenen verschlechtert (Krebsinformationsdienst 2019). Es gibt sogar Hinweise auf eine mögliche günstige Wirkung. Das American Institute for Cancer Research (AICR) schreibt hierzu:


"Übereinstimmende Ergebnisse von Bevölkerungsstudien deuten darauf hin, dass der Verzehr von Sojaprodukten das Risiko für Überlebende von Brustkrebs nicht erhöht. Es gibt sogar begrenzte Hinweise darauf, dass Frauen, die ein Jahr oder länger nach der Diagnose mäßige Mengen an Soja zu sich nehmen, das Gesamtüberleben verlängern und möglicherweise das Wiederauftreten des Tumors verringern können." (AICR 2021).


Auch der World Cancer Research Fund (WCRF) bestätigt diese Annahme (WCRF 2018).


"Isoflavone aus Soja könnten sogar eine schützende Wirkung vor einer Krebserkrankung haben."

Da Frauen in asiatischen Ländern mit einem hohem Sojaverzehr eine niedrigere Brustkrebsrate im Vergleich zu Frauen in westlichen Ländern aufweisen, wird diskutiert, ob der Soja-Isoflavongehalt dafür ursächlich sein könnte. In Beobachtungsstudien konnte gezeigt werden, dass ein erhöhter Sojakonsum durch Lebensmittel bei asiatischen Frauen mit einer Risikoreduzierung von Brustkrebs einhergeht (Moorehead 2019; Wu et al. 2013).


Allerdings kommt es wohl darauf an, in welchem Lebensalter Soja verzehrt wird. Die Datenlage deutet darauf hin, dass Soja in der Kindheit und Jugend verzehrt werden sollte, um das Risiko für Brustkrebs tatsächlich zu senken (Korde et al. 2009; Wu et al. 2002). Bei Frauen in westlichen Ländern konnte keine Risikoreduzierung festgestellt werden (Chen at al. 2014).


Bei Zell- und Tierversuchen sind die Ergebnisse uneinheitlich, da sowohl krebsfördernde als auch krebshemmende Effekte von Soja-Isoflavonen gezeigt werden konnten (Li et al. 2017). Allerdings ist es fraglich, ob sich diese experimentellen Daten überhaupt auf den Menschen übertragen lassen.


Somit sind sich nationale und internationale Fachgesellschaften einig, dass ein moderater Verzehr von Soja-Lebensmitteln für Brustkrebsbetroffene und -überlebende als unbedenklich eingeschätzt werden kann. Auch eine antihormonelle Therapie mit Tamoxifen oder Aromatasehemmern spricht nicht gegen den Verzehr von Soja (Krebsinformationsdienst 2019).



Moderater Sojakonsum: Was bedeutet das in der Praxis?


Ein moderater Verzehr vollwertiger Soja-Lebensmittel wie Tofu (Seidentofu/Räuchertofu), Sojamilch oder Edamame ist bei Brustkrebs nach aktueller Studienlage unbedenklich. Aber was bedeutet überhaupt moderat? Moderat bedeutete 1 bis 2 Portionen Soja am Tag mit einem Isoflavongehalt von ca. 25-50 mg.

1 Portion (etwa 25 mg Isoflavongehalt) entspricht:


75 g Sojajoghurt oder

250 ml Sojamilch oder

100 g Tofu


Isoflavongehalt von Soja-Lebensmitteln

Lebensmittel

Isoflavongehalt (mg/100 g)

​Sojamehl

178,1

Sojabohnen, reif, roh

154

Sojapulver für Instantgetränke

109,5

Natto

82,3

Tempeh

60,6

Miso

41,5

Sojasprossen, reif, roh

34,4

Sojajoghurt

33,2

Sojakäse

25,7

Tofu, fest, gekocht

22,1

Sojabohne, grün, gekocht

17,9

Sojawurst

14,3

Sojamilch

10,7

Sojadrink

8 bis 10,7

Sojanudeln, flach

8,5

Vegetarische Burger/Soja-Burger

6,4

Nicht unter die vollwertigen Soja-Lebensmittel fallen stark verarbeitete Produkte wie Soja-Fleischalternativen (Sojawürstchen, -schnitzel etc.) oder texturiertes Pflanzenprotein aus Soja. Diese Ersatzprodukte sollten nur ab und zu gegessen werden.



Sind Nahrungsergänzungsmittel mit Soja-Isoflavonen bei hormonabhängigem Brustkrebs empfehlenswert?


Nein, denn nach aktueller Studienlage wird die hochdosierte Einnahme von isolierten Isoflavonen bei Brustkrebsbetroffenen kritisch betrachtet. Es konnte z.B. ein erhöhtes Rezidivrisiko bei Mäusen festgestellt werden. Insbesondere bei Frauen, die Tamoxifen zur Vorbeugung sowie zur unterstützenden oder palliativen Therapie einnehmen, muss auf ein erhöhtes Risiko hingewiesen werden.


Das Bundesinstitut für Risikobewertung rät deshalb von einer Einnahme isolierter Isoflavone insbesondere bei Frauen mit und nach einer hormonabhängigen Brustkrebserkrankung ausdrücklich ab.


Gesunde Frauen in und nach den Wechseljahren


Grundsätzlich spricht nichts gegen eine Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln mit Soja-Isoflavonen bei gesunden Frauen nach der Menopause zur Linderung der Symptome. Die European Safety Food Authority (EFSA) empfiehlt als Orientierungswert Nahrungsergänzungsmittel mit bis zu 100 mg Soja-Isoflavone am Tag bei einer Einnahmedauer von bis zu 10 Monaten.


In der Zeit um die Menopause kann die EFSA keine Empfehlungen zu Höhe und Dauer der Dosierung aufgrund der eingeschränkten Datenlage geben. Wichtig ist dabei aber zu wissen: Sobald präkanzerogene Veränderungen in der Brust vorliegen, kann sich eine Einnahme auch ungünstig auswirken.


Fazit: Kein erhöhtes Risiko von Sojakonsum bei Brustkrebs


Der Verzehr von täglich bis zu zwei Portionen vollwertigen Soja-Lebensmitteln bzw. eine Isoflavonmenge von ca. 25-50 mg wird von nationalen und internationalen Fachgesellschaften bei hormonabhängigem Brustkrebs als unbedenklich eingestuft und gilt sowohl für Frauen während der aktiven Erkrankung als auch danach sowie für gesunde Frauen. Zu den vollwertigen Lebensmitteln zählen z.B. Tofu oder Sojajoghurt. Stark verarbeitete Produkte wie Sojawürstchen oder Sojaschnitzel zählen nicht dazu und sollten generell nicht täglich, sondern nur ab und zu verzehrt werden.


Für hochdosierte Supplemente mit Soja-Isoflavonen kann keine Empfehlung bei hormonabhängigem Brustkrebs ausgesprochen werden - weder während der Erkrankung noch danach. Von einer Einnahme wird ausdrücklich abgeraten.




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Viele Grüße,

Daniela




Quellen


- American Institute for Cancer Research, in: Soy: Intake Does Not Increase Risk for Breast Cancer Survivors. Aktualisiert Stellungnahme 04/2021. Unter: https://www.aicr.org/cancer-prevention/food-facts/soy/ (11.10.2021).


- Bertz, Zürcher, in: Ernährung in der Onkologie. Grundlagen und klinische Praxis. 1. Auflage. Stuttgart 2014.


- Bundesinstitut für Risikobewertung, in: Isolierte Isoflavone sind nicht ohne Risiko. Aktualisierte Stellungnahme* Nr. 039/2007 des BfR vom 3. April 2007. Unter: https://www.bfr.bund.de/de/a-z_index/isoflavone-9777.html (12.10.21).


- Bundesinstitut für Risikobewertung, in: Nahrungsergänzungsmittel mit isolierten Isoflavonen: Bei Einnahme in und nach den Wechseljahren Orientierungswerte für Dosierung und Anwendungsdauer einhalten. Mitteilung Nr. 043/2015 des BfR vom 16. November 2015. Unter: https://www.bfr.bund.de/cm/343/nahrungsergaenzungsmittel-mit-isolierten-isoflavonen-bei-einnahme-in-und-nach-den-wechseljahren-orientierungswerte-fuer-dosierung-und-anwendungsdauer-einhalten.pdf (14.11.21).


- Chen et al., in: Association between soy isoflavone intake and breast cancer risk for pre- and post-menopausal women: a meta-analysis of epidemiological studies. PLoS One. 2014 Feb 20;9(2): e89288.


- Erickson et al., in: Ernährungspraxis Onkologie. Behandlungsalgorithmen, Intervention-Checklisten, Beratungsempfehlungen. 1. Auflage. Stuttgart 2017.


- Korde et al., in: Childhood Soy Intake and Breast Cancer Risk in Asian American Women. Cancer Epidemiol Biomarkers. 2009;18(4):1050-1059.


- Krebsgesellschaft, in: Tumorbiologie bei Brustkrebs. Unter: https://www.krebsgesellschaft.de/onko-internetportal/basis-informationen-krebs/krebsarten/brustkrebs/tumorbiologie.html (23.11.21).


- Krebsinformationsdienst, in: Soja und Brustkrebs. Müssen Brustkrebspatientinnen Sojaprodukte meiden? Unter: https://www.krebsinformationsdienst.de/fachkreise/nachrichten/2019/fk08-soja-brustkrebs-ernaehrung-phytooestrogen.php (12.10.21).


- Li et al., in: Dietary Natural Products for Prevention and Treatment of Breast Cancer. Nutrients. 2017;9(7):728.


- Moorehead, in: Rodent Models Assessing Mammary Tumor Prevention by Soy or Soy Isoflavones. Genes (Basel). 2019;10(8):566.


- Smollich (Hrsg.), in: Ernährungspraxis Frauen und Männer. Beratungswissen kompakt. 1. Auflage. Stuttgart 2020.


- World Cancer Research Fund International, in: Diet, nutrition, physical activity and breast cancer survivors. 2014. Unter: https://www.wcrf.org/wp-content/uploads/2021/03/Breast-Cancer-Survivors-2014-Report.pdf (12.10.21).


- World Cancer Research Fund/American Institute for Cancer Research, in: Diet, Nutrition, Physical Activity and Cancer. A global perspective. Continuous Update Project Expert Report 2018. Unter: https://www.wcrf.org/diet-and-cancer (25.11.21).


- Wu et al., in: Adolescent and adult soy intake and risk of breast cancer in Asian-Americans, Carcinogenesis, Volume 23, Issue 9, 2002: 1491-1496.

- Wu et al., in: Soy isoflavones and breast cancer. Am Soc Clin Oncol Educ Book. 2013:102-6.

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